Wichtige Statements

1. Reza Hajatpour

Kulturen sind Menschenwerke!

Kulturen sind Menschenwerke, sowohl in ihrer schöpferischen als auch in ihrer zerstörerischen Kraft. Sie sind Ausdruck menschlicher Rituale, Gewohnheiten, Weltanschauungen und Utopien – Manifestationen der Vielschichtigkeit der Lebensformen und der Zivilisationen.

Ein ständiger „Clash of Civilisations“ scheint aus diesem Verständnis einerseits fast vorprogrammiert, andererseits ist diese Programmierung  aber auch nicht so zwingend, wie oft dargestellt.  Sollte es zu Kämpfen und Machtproben kommen, so sollte man also eher von der Paradoxie eines misslungenen Werkes der Harmonie sprechen, die im Miteinander der Kulturen nämlich auch möglich und oft sogar der Normalfall ist. – Der „Clash of civilisations wäre also nur die Störung der Harmonie des Unterschiedlichen und vielleicht auch nur ein Missverständnis in der Auffassung der Vielschichtigkeit des Lebens, aber eben kein Gesetz und schon gar keine Tendenz!

Häufig wird die Unterschiedlichkeit der Kulturen als Kerngrund ihres scheinbar notwendigen Zusammenpralls simplifiziert; dabei wird vergessen, dass Gewaltausübung nicht etwa die Erfindung der Kulturen, sondern ganz im Gegenteil die Unkultur selber ist, ein dem Menschen angeborener, archaischer Schutz- und Suchtmechanismus, der sich immer wieder verselbstständigt.

Es sind auch selten kulturelle Differenzen, die zu (kriegerischen) Auseinandersetzungen führen. Vielmehr ist es fast immer das Unvermögen und das Fehlen menschlicher Selbstbeherrschung, sowie unkontrollierte Selbstverherrlichung Besitzgier und Drang nach missionarischer Weltbeherrschung, die zu Gewalt und Kriegen führen. Menschen sind all zu oft getrieben von unstillbarer Macht- und Habsucht, gekränkter Ehrsucht und Eitelkeit oder fehlgeleiteter Eroberungssucht.

Hinter jeder Sucht verbirgt sich jedoch auch eine versteckte Sehnsucht, die es zu verstehen gilt. So träumen wir zwar gelegentlich von einer konfliktfreien Welt, einer Harmonie oder Einheit, in der keine Differenzen existieren und alles nach unseren Vorstellungen läuft. Doch sind Differenzen ein Bestandteil unseres Wesens wie auch der Lebenswelt und folglich nicht umgehbar. Die Suche nach einer harmonischen Einheit des Vielfältigen ist also die Vision um die es ginge.

Die Herausforderung unserer Zeit besteht – statt eines falschen Einheitsstrebens – darin, das Zusammenwirken der Kulturen in ihrer Unterschiedlichkeit anzuerkennen und zu formen, also die Unterschiede nicht um jeden Preis zu nivellieren, sondern fruchtbar zu machen. Das Miteinander der Kulturen ist also als „Symphonie der Differenzen“ aufzufassen, als eine dynamische Kraft der Gegensätze und Unterschiede, als ein Fluss mit all seinen Windungen, Rhythmen und Klängen. – Kulturen gelten damit als Orte der Wahrnehmung des eigenen Selbst und der Verschiedenheit unserer Leben.

Die Vielschichtigkeit und Verschiedenheit gilt hierbei als unser Leitprinzip. D.h. Gegensätze sollen sich nicht zerstören und gegenseitig aufheben, sondern als Pole in Spannung zueinander bleiben und sich miteinander korrespondierend am Leben erhalten. Hier öffnet sich der Raum für die Integrationskraft miteinander bestehender Kulturen (des Lebens!), und damit die Wandlungswilligkeit, Toleranz und Freiheit des Menschen.

Die Orte der Begegnung  verschiedener Kulturen sind für uns also Orte der Kommunikation, der Integration, der Selbst- und Fremdwahrnehmung, der vielschichtigen Lebens- und Sichtweisen sowie der Bejahung des Eigenen und des Anderen.

Eine globale „Kultur“ unseres 21. Jahrhunderts müsste in diesem Zusammenhang zu einer neuen Vision der Integration werden. Es geht dabei um die Erfindung einer neuen Lebenskunst der Wandlungswilligkeit, der Selbstüberwindung und Selbststeigerung, auf eine Weise, nicht die nicht nur dazu führt, die Andersartigkeit anderer zu ertragen, sondern vielmehr darüber hinausgehend zu unserer Identitätbildung und Vielschichtigkeit führen kann. Solch eine Haltung kann zu einer neuen Kultur und zu einem neuen Identitätsgefühl führen, das uns zu einem neuen Zeitalter führt, ein Zeitalter der Erfahrung mit dem Anderen. Diese Symphonie der Differenzen gilt es als Idee eines neuen globalen Gesellschaftsvertrages zu etablieren, eines Gesellschaftsvertrages, der die Anerkennung und den Respekt auf Augenhöhe für eine bessere und offenere Zukunft zur Leitlinie erhebt.

Daher ist ein Verzicht auf jede Gewalt und auf  Absolutheitsansprüche geboten, um auf Grundlage realer Begegnungen realer Problemlösungen die Bewältigung von Missverständnissen und eine damit einhergehende Selbsterziehung zu ermöglichen. Das wäre dann auch die schöpferische Kraft einer neuen Kultur der Vielschichtigkeit und damit der Symphonie der Differenzen als neue Kultur. Es geht darum, miteinander zu korrespondieren, auch ohne einander auf das Gleiche zu verpflichten und es ist unumgänglich zu lernen, andere Menschen und ihre Kultur zu respektieren, auch wenn wir sie niemals vollkommen verstehen werden. Das was uns einigt, sind also am Ende nicht unsere Theorien und die „kleine Vernunft“ des Kopfes, (Nietzsche) sondern die „grosse Vernunft“ des Lebens selber.

2.Vorstands – Erklärung z. Akademiegründung v. 15. Nov. 2018

Es gibt nur eine Zivilisation auf der Welt, und wenn das nicht so wäre, könnten sich weder Mediziner noch Kaufleute, weder Ärzte noch Techniker weltweit so gut miteinander verständigen, wie sie es ganz augenscheinlich immer besser tun. Andererseits gibt es aber unterschiedliche Kulturen und deren Tradition, sei es in Form von überkommenen Nationalismen und Religionen, sei es als Weltanschaungs- und Ritusgemeinschaft, Traditionspflege, Brauchtum oder Mode. Man kann sicher der Ansicht zustimmen, dass erst eine Kultur unser jeweiliges Dasein in der Weltzivilisation sinnvoll macht, selbst dann, wenn ihre Priester und Pfleger, Aktivisten und Liebhaber nicht mehr die Hebel der politischen Macht in der Hand haben, ja vielleicht gar nicht haben sollten.

Der „Dialog der Kulturen“ ihre Zusammenarbeit auch im Detail und die Organisation ihres möglichen Miteinanders ist über eine rein akademische Anerkennung, Erforschung und gegenseitiges „Verstehen“ aber nicht ausreichend praktiziert. Dem  Verstehen des Fremden, der Aufnahme in die eigene Kultur und die Formulierung correspondierender Ziele sind aber Grenzen gesetzt, denn das „Eigene“ ist oft genug nicht nur Maßstab des Verstehens, sondern leider auch die Begrenzung des Blicks. Politik wird sich zunehmend damit zu beschäftigen haben, wie diese Grenze überwunden wird und sie wird sich ihre Co-Akteuere suchen müssen. Es wird dabei nicht mehr um gegenseitige höfliche Kenntnisnahme gehen, sondern um die Notwendigkeit des Miteinanders.

Wäre es, so fragen wir uns, in einem zunehmenden interkulturellen Miteinander vorstellbar, dass ein ehemaliger Ayatholla und Spezialist für Sufismus einen Liebesroman über Ghom schreibt? Oder dass ein westlicher Musikologe und Beethovenspezialist indischen Gesang studiert, während ein praktizierender Buddhist mit einem Wiener Koch für die Teilnehmer eines Symposiums das Essen zubereitet? Ist es vorstellbar, dass der Präsident der internationalen Heideggergesellschaft jüdische Studien betreibt, statt Heideggers antijüdischen Ausfälle zu kommentieren und dass man nach gemeinsamem tagelangen Zusammensein, den Zen-Bogen spannt, Yoga treibt oder einem Bauchtanz zusieht?

All dies sind keine Träume von kultureller Korrespondenz, sondern unter uns bereits länger gepflegte Praxis. Wir stehen hier also auf einem Fundament aus Erfahrungen, die wir im Rahmen der jährlichen Philosophietage des Schnackenhofs (www.Schnackenhof.de)  seit 2012 sammeln durften.

Unsere im August 2018 auf Schloss Steinhöfel bei Berlin gegründete „Akademie für west-östlichen Dialog der Kulturen“ (Ostwestakademie) hat also zwar dem Namen nach ein wenig von einem traditionellen akademischen Zusammenschluss und unsere Mitglieder sind tatsächlich auch tatsächlich meist „Akademiker“, Künstler,  Schriftsteller oder Journalisten, doch wollen wir hier mehr schaffen, als ein Podium für gegenseitige „Information.“ zu begründen. – Es soll um wirkliche Integration gehen – um Korrespondenz  – und zwar nicht nur theoretischer Art. Wirkliche Integration heißt, lebendige Berührung, gegenseitige Durchdringung, Kennenlernen und gegenseitige Inanspruchnahme, auch Veränderung durch Zusammensein!

Wie sähe eine Philosophie aus, die sich zwar „abendländischer“ Begrifflichkeit bedient, die aber den Buddhismus oder den aktuellen Islam einbezieht?  Wie sähe ein Islam aus, wenn er von Hinduismus oder Buddhismus Kenntnis nähme? Welche Glücksvorstellungen müsste ein künstlerischer „Botschafter Arkadiens“ berücksichtigen, der für transkulturelle Sehnsüchte arbeitet, und wie müsste eine Religionswissenschaftlerin im postkolonialen Zeitalter über die Stellung der Frau in buddhistischen Klöstern reden? Wie würde sich schließlich all dies mit wirtschaftlichen oder sozialen Forderungen verbinden lassen, so dass aus Kunst und Wissenschaft praktische Politik und wirkliche gesellschaftliche Veränderung wird?

– Die alles sind Fragen, die eine radikale Veränderung „westlicher“ oder „östlicher“ Standpunkte wie auch Verstehens- und Aneignungs-Methoden bedeuten und die auf ein neues, nicht nur theoretisches Ergebnis zielen. Wir geben uns also nicht mehr damit zufrieden, dass die Kollegen aus Japan gut über Kant Bescheid wissen und die „Westler“ im Konfuzius-Institut über „Kafkas Tao“ reden. Uns geht es um echte Veränderung des Eigenen, um wirkliches Suchen und um die Chance einer Kultur, in der der „Kampf der Kulturen“ unwahrscheinlich und die Korrespondenz der Kulturen wahrscheinlicher wird. – Solch eine integrative „Kultur der Kulturen“ (Knodt) wäre ein „Wir“, auf das man sich einlassen kann, ohne es als den Verlust oder Ausverkauf des „Eigenen“ zu erleben. Es wäre ein Korrespondenzgeschehen, bei dem es zunächst einmal gar nicht darum geht, dass man sich „versteht“ (man versteht sich letztlich nie), Verträge schließt, (die können gebrochen brechen) sondern darum, dass man zusammen etwas zustandebringt. Für die Religiösen mag das bedeutet, dass man zusammen betet, für die Künstler mag das bedeutet, das „westliche“ Vertreter östlicher Traditionen etwa des Malens auftreten, usw. Korrespondierendes Miteinander ist eine fruchtbare praktische Kunst, deren Diplomaten wir sein könnten. Sie muss „geübt“ werden und die erste Frage heißt nicht: was macht Ihr?“, „was machen wir?“ sondern: „Was können wir jetzt zusammen tun?“ Künstlerisch, praktisch, theoretisch.

Unsere „Akademie“ soll also auch ein Lernort sein, ein Ort gegenseitigen künstlerischen und wissenschaftlichen Unterrichtens und Lernens. Der Gärtner soll dem Philosophen helfen und der Religionswissenschaftler dem Koch; dieser soll dem Mediziner etwas beibringen und der „Botschafter Arkadiens“ soll allen zusammen erläutern, dass Arkadien und Elysium in Indien nicht dasselbe sind wie in China oder Südamerika. „Schicksal ist Verhandlungssache“ erläuterte einer unserer Referenten, um chinesische Mentalitäten zu erläutern, wer weiß wie solche Kürzel in Erläuterung muslimischer oder hinduistischer Mentalitäten heiße?  Wichtig ist, dass man sie nicht isoliert betrachtet, sondern alles ins praktische Spiel bringt – auf eine Ebene, auf der Künstler, Religiöse, und areligiös philosophisch Interessierte dennoch zusammenwirken.

Wir sind also nicht die x-te akademische Begegnungsakademie, die sich an den „Kulturen als Kugeln“ abarbeiten, die sich gerüchteweise nur an winzigen Punkten berühren (Ein Hegelianismus, der in Anlehnung an die Leibnizsche Monadologie bis heute das Vorurteil der ewigen Fremdheit befeuert). Wir sind etwas Neues. Wir sind bereit, uns zu transformieren und miteinander zu experimentieren. Nicht die Differenzen dienen unserem Selbstverständnis. sondern die Korrespondenzen.

Wir verbinden unsere philosophischen Einsichten mit dem Leben, in dem wir einander wirklich begegnen und unsere Grenzen weit öffnen. Wir leben auch ein Stück weit zusammen, und wir schaffen mit etwas Glück einen neuen Raum der Korrespondenzen in jenem politischen Betrieb, wo es traditionell nur um Macht und Sicherheit geht. Das ist die diplomatische Hoffnung unserer Akademie, deren erster Präsident nicht ohne Grund der Nürnberger Menschenrechtspreisträger Prof. Dr. Reza Hajatpour (Univ. Erlangen) geworden ist, dem wir für die Bereitschaft hierzu danken und Glück für die nächsten Jahre wünschen.

Reinhard Knodt, (Berlin) // Thorsten Schirmer (Hannover) Dagmar Dotting (Habichtswald)

 

3. Was ist Transkulturalität?

von Wolfgang Welsch

Die heutigen „Kulturen” entsprechen vielfach nicht mehr den alten Vorstellungen geschlossener und einheitlicher Nationalkulturen. Sie sind durch eine Vielfalt möglicher Identitäten gekennzeichnet und haben grenzüberschreitende Konturen. Das Konzept der Transkulturalität beschreibt diese Veränderung. Es hebt sich ebenso vom klassischen Konzept der Einzelkultur wie von den neueren Konzepten der „Interkulturalität“ und „Multikulturalität“ ab.  „Kultur” als Generalbegriff, der nicht nur einzelne, sondern sämtliche menschlichen Lebensäußerungen umfasst, hat sich erst im späten 17. Jahrhundert herausgebildet. Er wird in diesem Verständnis erstmals 1684 von dem Naturrechtslehrer Samuel von Pufendorf verwendet. Bis zu diesem Zeitpunkt war Kultur ein relativer, sich auf einzelne Tätigkeiten beziehender Ausdruck.

Der traditionelle Kulturbegriff

Bei Pufendorf wurde „Kultur” zu einem autonomen Begriff, zu einem Kollektivsingular, der nun in einer kühnen Vereinheitlichung sämtliche Tätigkeiten eines Volkes, einer Gesellschaft oder einer Nation zu umfassen beanspruchte. Dieser globale Kulturbegriff erhielt dann hundert Jahre später durch Johann Gottfried Herder, insbesondere in dessen von 1784 bis 1791 erschienenen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, seine für die Folgezeit verbindliche Form. Der Kulturbegriff Herders ist durch drei Momente charakterisiert: durch die ethnische Fundierung, die soziale Homogenisierung und durch die Abgrenzung nach außen.

Die Kultur soll erstens das Leben der jeweiligen Gesellschaft im Ganzen wie im Einzelnen prägen, sie soll jede Handlung und jeden Gegenstand zu einem unverwechselbaren Bestandteil gerade dieser Kultur machen. Sie soll zweitens die Kultur eines bestimmten Volkes sein, das auf dem Weg der Kultur sein spezifisches Wesen zur Entfaltung bringt. Damit ist drittens eine Abgrenzung nach außen verbunden: Jede Kultur soll als Kultur eines bestimmten Volkes von den Kulturen anderer Völker spezifisch unterschieden sein und bleiben.

Diese Annahmen des traditionellen Kulturkonzepts sind heute unhaltbar geworden. Moderne Gesellschaften sind in sich so hochgradig differenziert, dass von einer Einheitlichkeit der Lebensformen nicht mehr die Rede sein kann. Das traditionelle Kulturkonzept ist unfähig, den aktuellen binnenkulturellen Differenzierungen gerecht zu werden, etwa den Unterschieden von regional, sozial und funktional divergierenden Kulturen, von hoher und niedriger, leitender und alternativen Kultur von den Besonderheiten einer wissenschaftlichen, technischen, künstlerischen oder religiösen Kultur ganz zu schweigen.

Es kommt künftig darauf an, die Kulturen jenseits des Gegensatzes von Eigenkultur und Fremdkultur zu denken. Aber auch die ethnische Fundierung der Kulturen ist äußerst problematisch: Herder beschreibt Kulturen als Kugeln oder autonome Inseln, die jeweils dem territorialen Bereich und der sprachlichen Extension eines Volkes entsprechen sollten. Wie wir aber nicht nur aus der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts wissen, sind solche völkischen Definitionen hochgradig imaginär und fiktiv. Die Kugelvorstellung und das Reinheitsgebot bereiten politischen Konflikten und Kriegen den Boden wie wir gerade heute zu erkennen Anlass haben, wo die Berufung auf ethnische und kulturelle Identität weltweite Separatismen und Kriege produziert. Angesichts solcher Befunde ist die Verabschiedung des traditionellen Kulturkonzepts mit seinem unheilvollen Doppel von innerem Einheitszwang und äußerer Abschottung auch unter normativen Gesichtspunkten geboten. Es käme künftig darauf an, die Kulturen jenseits des Gegensatzes von „Eigen“-kultur und „Fremd“-kultur zu denken.

Interkulturalität

Das Konzept der Interkulturalität macht nicht einmal einen Versuch, die traditionelle Kulturvorstellung zu überwinden, sondern will sie bloß ergänzen, um ihre problematischen Folgen aufzufangen. Es reagiert auf den Umstand, dass die Kugelverfassung der Kulturen notwendig zu interkulturellen Konflikten führt. Kulturen, die wie Inseln oder Kugeln verfasst sind, können sich der Logik ihres Begriffs gemäß eben nur voneinander absetzen, sich gegenseitig verkennen, ignorieren, diffamieren oder bekämpfen, nicht hingegen sich verständigen und austauschen. Die Misere des Konzepts der Interkulturalität rührt daher, dass es die Prämisse des traditionellen Kulturbegriffs unverändert mit sich fortschleppt.

Das hatte Herder konsequent zum Ausdruck gebracht, als er sagte, dass solche Kugeln einander nur „stoßen” könnten und dass ihr Vorurteil gegenüber anderen Kulturen eine Bedingung ihres Glückes sei. Das Konzept der Interkulturalität sucht nun nach Wegen, wie die Kulturen sich gleichwohl miteinander vertragen, wie sie miteinander kommunizieren, einander verstehen oder anerkennen können. Hier hat die Suche nach interkulturellen Konstanten ein unerschöpfliches (weil ergebnisloses) Betätigungsfeld.

Die Misere des Konzepts der Interkulturalität rührt daher, dass es die Prämisse des traditionellen Kulturbegriffs unverändert mit sich fortschleppt. Es geht noch immer von einer insel- bzw. kugelartigen Verfassung der Kulturen aus. Eben deswegen vermag es zu keiner Problemlösung zu gelangen, denn die interkulturellen Probleme entspringen der Insel- bzw. Kugelthese der Kulturen. Das klassische Kulturkonzept schafft durch seinen Primärzug den separatistischen Charakter der Kulturen das Sekundärproblem der strukturellen Kommunikationsunfähigkeit und schwierigen Koexistenz dieser Kulturen. Daher sind die Empfehlungen zur Interkulturalität zwar gut gemeint, aber ergebnislos. Das Konzept versäumt es, die Wurzel des Problems anzugehen. Es ist nicht radikal genug, sondern bloß kosmetisch.

Multikulturalität

Ähnliches gilt vom Konzept der Multikulturalität. Es greift die Probleme des Zusammenlebens verschiedener Kulturen innerhalb einer Gesellschaft auf, widmet sich also strukturell der gleichen Frage wie das Konzept der Interkulturalität. Dabei bleibt aber auch dieses Konzept im Status des traditionellen Kulturverständnisses. Es geht von der Existenz klar unterschiedener, in sich homogener Kulturen aus nur jetzt innerhalb ein und derselben staatlichen Gemeinschaft.

Das Multikulturalitätskonzept sucht dann nach Chancen der Toleranz, Verständigung, Akzeptanz und Konfliktvermeidung oder Konflikttherapie. Das ist ebenso löblich wie die Bemühungen um Interkulturalität, aber ebenso ineffizient, denn vom alten Kulturverständnis aus lässt sich allenfalls ein Stillhalten auf Zeit erreichen, nicht aber eine wirkliche Verständigung zwischen den kulturell heterogenen Gruppen oder eine Überschreitung der separierenden Schranken konzipieren. Die Kulturen haben de facto nicht mehr die unterstellte Form der Homogenität und Separiertheit.

Das Multikulturalitätskonzept hat jedoch die Hinnahme solcher Schranken geradezu zur Basis. Daher kann es auch zur Rechtfertigung und verstärkten Berufung auf solche Schranken dienen. Das Konzept ist zwar gegenüber konservativen Forderungen nach gesellschaftlicher Homogenität progressiv, in seinem Kulturverständnis aber ist es traditionell und droht, regressiven Tendenzen Vorschub zu leisten. Sie führen unter Berufung auf kulturelle Identität zu Gettoisierung und Kulturfundamentalismus und sind vor dem Übergang in den politischen Fundamentalismus nicht gefeit.

Die Kritik am traditionellen Konzept der Einzelkulturen sowie an den neueren Konzepten der Interkulturalität und der Multikulturalität lässt sich folgendermaßen resümieren: Wenn die Kulturen tatsächlich noch immer, wie diese Konzepte unterstellen, inselartig und kugelhaft verfasst wären, dann könnte man das Problem ihrer Koexistenz und Kooperation weder loswerden noch lösen. Nur ist die Beschreibung der Kulturen als Kugeln bzw. Inseln heute deskriptiv falsch und normativ irreführend. Die Kulturen haben de facto nicht mehr die unterstellte Form der Homogenität und Separiertheit. Dies ist der Ausgangspunkt des Konzepts der Transkulturalität.

Transkulturalität

Kulturen sind intern durch eine Pluralisierung möglicher Identitäten gekennzeichnet und weisen extern grenzüberschreitende Konturen auf. Sie haben eine neuartige Form angenommen, die durch die klassischen Kulturgrenzen wie selbstverständlich hindurchgeht. Das Konzept der Transkulturalität benennt diese veränderte Verfassung der Kulturen und versucht daraus die notwendigen konzeptionellen und normativen Konsequenzen zu ziehen. Der traditionelle Kulturbegriff scheitert heute an der inneren Differenziertheit und Komplexität der modernen Kulturen. Moderne Kulturen sind durch eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensformen und Lebensstile gekennzeichnet.

Ferner ist die klassische separatistische Kulturvorstellung durch die äußere Vernetzung der Kulturen überholt. Die Kulturen sind hochgradig miteinander verflochten und durchdringen einander. Die Lebensformen enden nicht mehr an den Grenzen der Nationalkulturen, sondern überschreiten diese und finden sich ebenso in anderen Kulturen. Die neuartigen Verflechtungen sind eine Folge von Migrationsprozessen sowie von weltweiten materiellen und immateriellen Kommunikationssystemen (internationaler Verkehr und Datennetze) und von ökonomischen Interdependenzen grundlegende Probleme und Bewusstseinslagen treten heute in den einst für so grundverschieden erachteten Kulturen in gleicher Weise auf, gehen gleichsam quer durch sie hindurch, stellen Determinanten dar. Man denke etwa an das Problem des Auseinanderdriftens von naturwissenschaftlicher und literarischer Kultur, an dem heute eine Vielzahl von Kulturen laboriert, oder an das ökologische Bewusstsein, das in jüngster Zeit zu einem mächtigen Wirkfaktor quer durch die Kulturen geworden ist.

Die Austauschprozesse zwischen den Kulturen lassen nicht nur das alte Freund-Feind-Schema als überholt erscheinen, sondern auch die scheinbar stabilen Kategorien von Eigenheit und Fremdheit. Es gibt nicht nur kein strikt Eigenes, sondern auch kein strikt Fremdes mehr. Im Innenverhältnis einer Kultur zwischen ihren diversen Lebensformen existieren heute tendenziell ebenso viele Fremdheiten wie im Außenverhältnis zu anderen Kulturen. Es gibt zwar noch eine Rhetorik der Einzelkulturen, aber in der Substanz sind sie alle transkulturell bestimmt. Anstelle der separierten Einzelkulturen von einst ist eine interdependente Globalkultur entstanden, die sämtliche Nationalkulturen verbindet und bis in Einzelheiten hinein durchdringt.

Transkulturalität  historisch

Die Beschreibung der Kulturen im Sinne von Transkulturalität ist im Übrigen nicht erst heute, sondern in geschichtlicher Perspektive geboten. Beispielsweise lässt sich deutsche Kultur ohne den Blick auf andere Traditionen, etwa die griechische oder die römische Tradition gar nicht rekonstruieren. Carl Zuckmayer hat diese historische Transkulturalität in seinem Drama „Des Teufels General“ wundervoll beschrieben: „ (…) stellen Sie sich doch einmal ihre Ahnenreihe vor seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ‘ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebrach. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat katholische Haustradition begründet. Und dann kam ein griechischer Arzt dazu oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flößer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsass, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant; das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt, und der Goethe, der kam aus demselben Topf und der Beethoven, und der Gutenberg und der Matthias Grünewald, und ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen.”

Transkulturalität dringt überdies nicht nur auf der Makroebene der Kulturen, sondern ebenso auf der Mikroebene der Individuen vor. Für die meisten unter uns sind, was unsere kulturelle Formation angeht, mehrfache kulturelle Anschlüsse entscheidend. Wir sind kulturelle Mischlinge. Zeitgenössische Schriftsteller betonen häufig, dass sie nicht durch eine einzige Heimat, sondern durch verschiedene Bezugsländer geprägt sind, durch deutsche, französische, italienische, russische, süd- und nordamerikanische Literatur. Ihre kulturelle Formation ist transkulturell, die der nachfolgenden Generationen wird das noch mehr sein. Nur transkulturelle Übergangsfähigkeit wird uns auf Dauer noch Identität und so etwas wie Autonomie und Souveränität verbürgen können.

Der pragmatische Kulturbegriff

Für ein transkulturelles Kulturkonzept kann man sich gut der Hilfe Ludwig Wittgensteins bedienen. Wittgenstein hat einen pragmatischen Kulturbegriff entwickelt, der anders als das traditionelle Kulturkonzept von vornherein von ethnischer Fundierung und Homogenitätsansprüchen frei ist. Wittgenstein zufolge liegt Kultur dort vor, wo eine geteilte Lebenspraxis besteht. Zudem rechnet dieses Kulturkonzept mit mannigfaltigen Verflechtungen, Überschneidungen und Übergängen zwischen den Lebensformen. Daher ist es auch für neue Verbindungen und für Umstrukturierungen offen. Wenn ein Individuum durch unterschiedliche kulturelle Anteile geprägt ist, wird es zur Aufgabe der Identitätsbildung, solche transkulturellen Komponenten miteinander zu verbinden. Nur transkulturelle Übergangsfähigkeit wird uns auf Dauer noch Identität und so etwas wie Autonomie und Souveränität verbürgen können. Die Entdeckung und Akzeptanz der transkulturellen Binnenverfassung der Individuen ist eine Bedingung, um mit der gesellschaftlichen Transkulturalität zurechtzukommen. Hass gegenüber Fremdem ist (wie insbesondere von psychoanalytischer Seite mehrfach dargelegt wurde) projizierter Selbsthass. Man lehnt stellvertretend etwas ab, was man in sich selbst trägt, aber nicht zulassen will, was man intern verdrängt und extern bekämpft. Umgekehrt bildet die Anerkennung innerer Fremdheitsanteile eine Voraussetzung für die Akzeptanz äußerer Fremdheit. Wir werden dann, wenn wir anders als das traditionelle Kulturkonzeptes uns rät, unsere innere Transkulturalität nicht verleugnen, sondern wahrnehmen, eines anerkennenden und gemeinschaftlichen Umgangs mit äußerer Transkulturalität fähig werden.

Für eine Kultur der Integration

Kulturbegriffe sind, wie dies von allen Sachverständigungsbegriffen (beispielsweise Identität, Person, Mensch) gilt,nicht bloß Beschreibungsbegriffe, sondern operative Begriffe. Sie prägen ihren Gegenstand. Sagt man uns, wie es der alte Kulturbegriff tat, dass Kultur einen Homogenitätsanspruch habe, so werden wir die gebotenen Zwänge und Ausschlüsse praktizieren. Wir suchen der gestellten Aufgabe Genüge zu tun und werden dabei Erfolg haben. Geht man aber von der Vorstellung aus, dass wahre Kultur auch das Fremde einbeziehen und transkulturellen Komponenten gerecht werden müsse, dann gehören entsprechende Integrationsleistungen zur realen Struktur unserer Kultur. In diesem Sinne ist „Realität” von Kultur immer auch eine Folge unserer Konzepte von Kultur.

Das Konzept der Transkulturalität zielt auf ein vielmaschiges und inklusives, nicht auf ein separatistisches und exklusives Verständnis von Kultur. Es intendiert eine Kultur, deren pragmatische Leistung nicht in Ausgrenzung, sondern in Integration besteht. Stets gibt es im Zusammentreffen mit anderen Lebensformen nicht nur Divergenzen, sondern auch Anschlussmöglichkeiten. Solche Erweiterungen, die auf die gleichzeitige Anerkennung unterschiedlicher Identitätsformen innerhalb einer Gesellschaft zielen, stellen heute eine vordringliche Aufgabe dar.

Man könnte einwenden, das Konzept der Transkulturalität laufe auf die Annahme einer zunehmenden Homogenisierung der Kulturen und auf eine uniforme Weltzivilisation hinaus. Aber bedeutet Transkulturalität tatsächlich Uniformierung? Keineswegs. Nur verändert sich unter den Bedingungen der Transkulturalität der Modus der Vielheit. Vielheit im traditionellen Modus der Einzelkulturen schwindet in der Tat.

In der Epoche der Transkulturalität schwindet die Bedeutung der Nationalstaatlichkeit oder der Muttersprache für die kulturelle Formation. Die Verwechslung von Kultur mit Nation oder die restriktive Bindung der Kultur an eine Muttersprache wird immer weniger möglich. Die neuen kulturellen Formationen überschreiten die alten Festmarken, erzeugen neue Verbindungen. Dies bedeutet auch, dass die Welt im Ganzen statt eines separatistischen eher ein Netzwerk-Design annimmt. Unterschiede verschwinden dadurch zwar nicht, aber die Verständigungsmöglichkeiten nehmen zu. Will man darin einen Nachteil sehen?

Das Konzept der Transkulturalität entwirft ein anderes Bild vom Verhältnis der Kulturen. Nicht eines der Isolierung und des Konflikts, sondern eines der Verflechtung, Durchmischung und Gemeinsamkeit. Es befördert nicht Separierung, sondern Verstehen und Interaktion. Gewiss enthält dieses Konzept Zumutungen gegenüber liebgewonnenen Gewohnheiten wie die heutige Wirklichkeit überhaupt. Im Vergleich zu anderen Konzepten skizziert es aber den am ehesten gangbaren Weg.

Der Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors übernommen aus: Migration und Kultureller Wandel, Schwerpunktthema der Zeitschrift für Kulturaustausch, Nr. 45. (1. Vj.) Stuttgart 1999.