Über die Akademie

Erklärung des Akademievorstandes anlässlich der Präsidentschaftsübernahme durch Reza Hajatpour am 15. Nov. 2018

Liebe Freunde der Akademie,

Könnte man sich vorstellen, dass ein ehemaliger Ayatholla und Spezialist für Sufismus einen Liebesroman über Ghom schreibt? Oder dass ein westlicher Musikologe und Beethovenspezialist indischen Gesang studiert, während ein praktizierender Buddhist mit einem Wiener Koch dabei für die Teilnehmer eines kleinen „Kongresses“ das Essen zubereitet? Könnte man sich vorstellen, dass der amtierende Präsident der internationalen Heideggergesellschaft Judaistik betreibt, statt Heidegger zu verteidigen oder dass ein international bekannter Musiker den ZEN-Bogen spannt – und dass man anschließend eine gemeinsame Teezeremonie abhält oder einem nächtlichen Bauchtanz zusieht?

All dies sind keine Luftschlösser, sondern unter uns bereits länger Praxis, und wir stehen auf einem breiten Fundament solcher und ähnlicher Erfahrungen, die wir im Rahmen der jährlichen Philosophietage im Schnackenhof (www.Schnackenhof.de) und bei anderen Gelegenheiten seit vielen Jahren sammeln. Unsere im August 2018 auf Schloss Steinhöfel bei Berlin gegründete „Akademie für west-östlichen Dialog der Kulturen, e.V.“ gibt unseren Erfahrungen nun eine Form. Sie erinnert zwar dem Namen nach an eine traditionelle Universitätsakademie, doch soll diese Akademie mehr sein, als ein Verein für theoretische gegenseitige Information. – Es soll hier um wirkliche Integration gehen – nicht nur theoretischer Art, sondern vor allem auch künstlerischer und lebenspraktischer. Wirkliche Integration heißt, lebendige Berührung, gegenseitige Durchdringung, Kennenlernen und gegenseitige Inanspruchnahme, also Veränderung durch Zusammensein des Verschiedenen um das Fremde als Reiz zu begreifen und an ihm zu wachsen.

Wir tun damit genau das, wovor heute andere angesichts der globalen Veränderungen  Angst haben. Wir stürzen uns in das Abenteuer, vor dem viele warnen und das über eine schlichte „Begegnung der Kulturen“ weit hinausgeht. Wir wollen eine „Freundschaft der Kulturen!“ Wir fragen etwa, wie eine Philosophie aussieht, die sich aus Buddhismus, Konfuzianismus und abendländischer Begrifflichkeit zugleich speist. Oder wir ambitionieren zeitgenössische Künstler, sich mit traditioneller japanischer Zen-Kunst in Praxis und Theorie zu messen. Wir fragen, welche Themen ein Schriftsteller heute in erster Linie aufgreifen muß oder wie eine Psychologie oder eine Wahrnehmungstheorie aussähe, die die Atmosphärenvorstellungen der Australischen Aborigines mit einbezieht. Wir fragen uns in unseren Erkenntnistheoretischen monatlichen Treffen, ob Der Urknall und Gott von einer höheren Warte aus nicht als ein- und dasselbe betrachtet werden müssen u.s.w..

Diese Haltung bedeutet eine radikale Veränderung „westlicher“ oder „östlicher“ Standpunkte, wie auch hier Verstehens- und Aneignungs-Methoden im traditionellen Sinne. Sie sind mit herkömmlichen Wissenschaftsmustern und dem Universitätsbetrieb nur schlecht kompatibel. Sie spielen ernsthaft mit allen Möglichkeiten und geben sich nicht damit zufrieden, dass die Kollegen aus Japan gut über Kant Bescheid wissen oder die „Westler“ über Kafkas Tao reden. Es geht uns um echte Veränderung des Eigenen und um wirkliches Suchen nach dem Anderen; um die Chance einer durch Künstler, Wissenschaftler, Journalisten, Religiös bewegte und anderweitig philosophisch Begabte zu einer neuen schöpferischen Freundschaft der Kulturen zu gelangen. Um eine Weltkultur, die nicht nur diplomatisch juristisch besteht, die stattdessen vielmehr ihre kreativen Zentren hat und  in der der „Kampf der Kulturen“ vermieden und als vergangenes Stadium angesehen ist.

Wir können dies so vollmundig ausführen, weil wir es bereits praktizieren und wir beanspruchen nach vielen Jahren der Zusammenarbeit ein „Wir“ zu schaffen, auf das man sich einlassen kann, ohne es als den Verlust des „Eigenen“ zu erleben. Eine  Freundschaft der Kulturen, bei der es gar nicht darum geht, dass man sich „versteht“ oder Vereinbarungen schließt.  Vielmehr sagen wir:  Korrespondenz genügt! Korrespondenz ist eine fruchtbare, eine diplomatische, atmosphärische Kunst des Zusammenagierens hin auf ein höheres Ziel. Sie kann geübt werden und ihre erste Frage heißt nicht, wer sich an wessen Regeln zu halten hat, sondern: „Was können wir gerade jetzt zusammen tun?“ Wie leben wir gemeinsam, praktisch, alltäglich, künstlerisch, theoretisch, welche Möglichkeiten und Chancen haben wir jetzt.

Man kann hoffen, dass sich durch Bereitschaft zum gemeinsamen Üben (in einem östlich meditativen aber auch im westlich spielerischen Sinn) oder durch gezielte Aktionen ein neuer Zusammenhalt unter Menschen aus vielen Kulturen entwickelt, der nicht nur vom guten Willen und moralischer Zurückhaltung getragen ist, sondern von der Begeisterung füreinander und für das Zusammensein und seine Möglichkeiten der Sinnstiftung. Dieses Milieu wollen wir durch Aktionen herstellen helfen und solch ein Milieu wird mehr schaffen, als die akademische Verstehens- und Informationskultur unserer Tage.

Unsere „Akademie“ ist also kein Zusammenschluss von Universitätsprofessoren, obwohl eine Anzahl unter unseren Mitglieder dies ist, sondern ein künstlerisch, spielerisches Aktionsbündnis von Menschen, die seit Jahren miteinander die gleichen Zwecke verfolgen und die wissen, dass sie sich trotz aller Unterschiede immer auch auf dem Weg von Arkadien nach Elysium befinden. (Die Christen mögen sagen vom Paradies hin zum ewigen Leben und die Fortschrittsgläubigen werden sagen von barbarischen Zuständen zu einem immer besseren leben). Wir sind also im besten Sinne eine Akademie der schönen Künste – aber nicht im gediegen abendländischen Sinne, sondern im neuen Sinne einer Weltkultur. Wir sind Presseleute, Schriftsteller, bildende Künstler, Teemeister, Zen-Anhänger, Muslime, Psychologen, Geistliche und sonstige Bewegte, die bereit sind, sich wirklich verändern zu lassen.

„Schicksal ist Verhandlungssache“ erläuterte einer unserer Referenten, um chinesische Mentalitäten zu erläutern, wer weiß wie solche Kürzel in Erläuterung muslimischer oder hinduistischer Mentalitäten heissen, und wer weiß, was mit uns geschieht, wenn Künstler, Religiöse und philosophisch Interessierte zusammenwirken, statt sich abzugrenzen. Wir wollen modellhaft vorführen, wie es sein könnte, wenn die Korrespondenz  und das Miteinander die Differenz und das Gegeneinander überspielt,  und wir wollen Situationen herstellen, in denen transkulturelle Gemeinschaft kein Sonntagsrednertum ist, sondern Alltag. Es ist wichtiger, zusammen zu leben, zu denken und zu spielen, als Theorien über das Fremde auszutauschen, was auch in unserer neuen „Akademie“ nicht vergessen werden soll.

Wir schaffen mit etwas Glück einen neuen Raum des Zusammenseins gerade dort, wo es mit dem Verhandeln und Verstehen traditionell oft hapert. Das ist der diplomatische Charme unserer neuen Unternehmung, deren erster Präsident nicht ohne Grund der Philosoph und Islamwissenschaftler Reza Hajatpour geworden ist, ehemaliger Theologe aus Ghom vor vielen Jahren und Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg sowie Romanautor bei Suhrkamp und Menschenrechtspreisträger heute. Wir wünschen ihm Erfolg.

Hannover, 15. Nov. 2018

Reinhard Knodt, Berlin/ Thorsten Schirmer (Hannover)